"Soziale Verantwortung ist unsere DNA"

Medizinische Ethik und christliche Wertvorstellungen haben einen hohen Stellenwert innerhalb der Vinzenz Gruppe. Wertemanager Thomas Pree und Generaloberin Cordula Kreinecker im Gespräch über das Spannungsfeld zwischen Gemeinnützigkeit, wirtschaftlicher Effizienz und menschlicher Begegnung.

Die Geschichte der Barmherzigen Schwestern und der Vinzenz Gruppe ist eine Erfolgsgeschichte. Worauf beruht dieser Erfolg?

Sr. Cordula: Unser Erfolg ist, dass wir in schwierigen Zeiten stets das Bedürfnis und die Not der Menschen erkannt und danach gehandelt haben. Im Laufe der Jahre haben wir immer an diesem Erbe festgehalten, nämlich am sozialen Werk für den Menschen. Ob das zu Zeiten der Cholera war oder während des Bombardements im Krieg – die Barmherzigkeit war immer die Grundlage unseres Handelns.

Thomas Pree: Das gilt auch für den Erfolg der Vinzenz Gruppe. Die Zuwendung zu den Menschen, die in Not sind, aufgrund von Krankheit oder aufgrund sozialer Umstände, ist unser Grundauftrag, dem wir verpflichtet sind. Wenn wir diesem Ziel treu bleiben, werden wir erfolgreich sein. Im Einzelnen war der Weg von sehr mutigen und visionären Entscheidungen geprägt, von der Gründung der Stiftung bis zur Strategie 2020, die die Schwerpunktsetzung in der Medizin zum Ziel hat.

Vor 25 Jahren wurden die Krankenhäuser der Barmherzigen Schwestern in eine Holding eingebracht. Ein taktischer Zug, der viel Beachtung fand. Wie kam diese Strategie zustande?

Sr. Cordula: Mit der Zeit ist es immer schwieriger geworden, Nachwuchs für den Orden zu finden. Unter den Schwestern waren einige Visionärinnen, die kämpferisch waren und nach einer neuen Lösung gesucht haben. Die Holding war eine Lösung, die es möglich machte, dass die Krankenhäuser in einer weltlichen Form weitergeführt werden können und dennoch ihr christliches Werteverständnis behalten.

Pree: Wenn man sich die Geschichte der Orden anschaut, so gab es immer eine Bewegung. Diese Bewegung ist entstanden, weil es ein Bedürfnis in der Gemeinschaft der Menschen gegeben hat. Und wache Menschen haben dieses Bedürfnis aufgegriffen. Das ist meines Erachtens das Erfolgsgeheimnis, sowohl das des Ordens als auch das der Vinzenz Gruppe. Daher habe ich überhaupt keine Sorge, dass die Orden aussterben oder irgendwann nicht mehr relevant sein werden. Sie werden sich verändern. Aber ganz egal, in welcher sozialen Form es weitergeht, die Verpflichtung, für den Menschen da zu sein, bleibt.

2010 wurde die Vinzenz Gruppe in eine gemeinnützige Privatstiftung eingebracht. Welche Absicht stand dahinter?

Sr. Cordula: Man wollte eine Konstruktion für die Zukunft schaffen, die finanzielle Unabhängigkeit garantiert und gleichzeitig das geistige Erbe der Barmherzigen Schwestern weiterträgt. Die Schwestern haben über all die Jahre unentgeltlich gearbeitet und ihre gesamten Werke der Stiftung geschenkt. Ursprünglich wurden die Krankenhäuser den Barmherzigen Schwestern anvertraut, damit sie sich um die Armen kümmern. Mit der Eingliederung dieser Krankenhäuser in die SanktVinzenzStiftung wurden sie der Gesellschaft wieder zurückgegeben.

Pree: Man kann auch sagen, durch die Stiftung ist ein Hineinwirken in die Geschäftswelt aus dieser christlichen Ordenstradition heraus möglich. Mit diesem Schritt konnte die Gemeinnützigkeit der Gesundheitseinrichtungen für die Zukunft abgesichert werden.

Ist es manchmal eine Herausforderung, diese Gemeinnützigkeit nicht aus den Augen zu verlieren?

Pree: Ja, diese Gemeinnützigkeit ist natürlich eine Herausforderung. Gleichzeitig ist es Teil unseres Selbstverständnisses, dass die Krankenversorgung einer Gemeinnützigkeit und keiner Gewinnmaximierung unterliegt.  Um dieses Prinzip aufrecht erhalten zu können, müssen wir als gemeinnützige Einrichtung sehr genau auf die Wirtschaftlichkeit achten.

Die moderne Medizin wirft ständig neue Fragen auf. Oft hinkt die ethische Betrachtung hinterher. Wie geht die Vinzenz Gruppe damit um? 

Pree: Je mehr Möglichkeiten der Intervention die Medizin hat, umso mehr spitzen sich Entscheidungen zu und umso mehr stellt sich die Frage: Wie ist das vertretbar? Inwiefern ist es gerecht, für eine Person extrem viel Geld in eine medizinische Intervention zu stecken und anderen damit vielleicht weniger anbieten zu können? Das sind Zukunftsthemen, die massiv aufschlagen werden. In der Vinzenz Gruppe gibt es seit zehn Jahren eine institutionalisierte Ethikarbeit, die in dieser Form im deutschsprachigen Raum einzigartig ist. Diese Struktur wird durch den Ethikkodex, den Ethikbeirat und das Wertemanagement getragen.

Sr. Cordula: Ich habe früher im OP gearbeitet und weiß, dass es einfach Grenzsituationen gibt, und die sind nie einfach zu entscheiden. Da ist es wichtig, dass die behandelnden Ärztinnen, Ärzte und das Pflegepersonal damit nicht alleine gelassen werden und dass sie eine Orientierung bekommen.

Mit welchen Fragen haben sich die Ethikbeauftragten zuletzt befasst?

Pree: Momentan beschäftigt uns sehr, wie wir uns in die Zukunft hinein weiterentwickeln, damit wir genau diese Fragen der Zeit aufgreifen können. Es geht in Richtung einer noch umfassenderen Ausbildung der Ethikberaterinnen und -berater. Akute Fragen stellen sich beispielsweise im Bereich Pränataldiagnostik, Intersexualität und Patientenwille.

Heute arbeiten große Unternehmen daran, gesellschaftliche Verantwortung unter Beweis zu stellen. Bei der Vinzenz Gruppe ist diese Arbeit im Wertemanagement verankert. Wie funktioniert das genau?

Sr. Cordula: Als dieser Bereich im Jahr 2000 gegründet wurde, wussten viele noch nicht, was Wertemanagement eigentlich ist. Durch den Aufbau unserer Strukturen konnten wir die Menschen davon überzeugen, dass es eine sinnvolle und wichtige Arbeit ist, die im Grunde unser christliches Menschenbild in der täglichen Arbeit manifestiert. Mir war es immer wichtig, dass die Wertearbeit nicht etwas Zusätzliches ist, sondern etwas Grundsätzliches.

Pree: Im Gegensatz zu anderen Unternehmen in der Privatwirtschaft ist die soziale Verantwortung unsere DNA. Das Wertemanagement hat innerhalb der Vinzenz Gruppe einen hohen Selbstanspruch. Es hat den gleichen Stellenwert wie das Controlling oder die interne Revision. Es ist in jedem Vorstand angesiedelt, und in jedem Haus gibt es zuständige Wertegruppen, die interdisziplinär und hierarchieübergreifend arbeiten. Ob es jetzt Führungskräfte sind oder Mitarbeiter auf anderen Ebenen – diese Werte sind niemandem egal. Natürlich ist der Spagat zwischen Selbstanspruch und Realität einer, der auch oft Sorgen bereitet. 

Ist der Aufbau eines gemeinnützigen Großunternehmens durch die Barmherzigen Schwestern nicht auch eine Geschichte erfolgreicher Frauen in der katholischen Kirche?

Sr. Cordula: Auf jeden Fall. Der heilige Vinzenz von Paul war jemand, der die Frau sehr gefördert hat. Eine fast noch wichtigere Figur bei der Gründung des Ordens war Luise von Marillac, die die Gesamtleitung der Charité-Gruppen innehatte. Auch später bei den Krankenhäusern der Barmherzigen Schwestern waren bisweilen nur Frauen in der Leitung, von der Krankenschwester bis zur Ärztlichen Direktorin. Da waren sehr mutige und sehr starke Frauen am Werk.

Was wünschen Sie sich für Patienten in einer Zukunft, die von künstlicher Intelligenz und High-tech-Medizin geprägt sein wird?

Pree: Für die Patientinnen und Patienten wünsche ich mir Menschen, die sie ernst nehmen und wertschätzen. Die Möglichkeiten, die uns die Technologie und Digitalisierung geben, sollen voll ausgeschöpft werden – mit dem Ziel der menschlichen Begegnung – denn diese ist ein wesentlicher Bestandteil von Gesundheit und Heilung. 

"Die Barmherzigkeit war immer die Grundlage unseres Handelns."
Generaloberin Cordula Kreinecker

Sr. Cordula Kreinecker

ist seit 2013 Generaloberin der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Wien-Gumpendorf und seit 2015 Vorsitzende des Stiftungsvorstandes der Sankt Vinzenz Privatstiftung. Von 2000 bis 2007 leitete sie den Zentralbereich Wertemanagement der Vinzenz Gruppe. Cordula Kreinecker gehört dem Orden seit über 45 Jahren an und war viele Jahre als Operationsschwester tätig.

Mag. Thomas Pree

ist seit 2018 Leiter des Zentralbereichs Wertemanagement der Vinzenz Gruppe. Der studierte Theologe und langjährige Pfarr- und Krankenhausseelsorger koordiniert und entwickelt in dieser Funktion häuserübergreifende Maßnahmen, welche die christliche Grundausrichtung sichern und konkretisieren wollen. Dies geschieht in enger Kooperation mit den dafür in den Einrichtungen der Vinzenz Gruppe verantwortlichen Führungskräften, Seelsorgerinnen und Wertegruppen.